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Österreich führt ein Bedingungsloses Grundeinkommen ein

– komödiantisches Lehrstück –

von Wolfgang Willner


Die Protagonisten:

Robert Kaltenschlager, Bundeskanzler
Basilio Schönkopf, Redenschreiber und rechte Hand des Bundeskanzlers
Schrill, Pressesprecher
Prof. Friedmann, Finanzstaatssekretär
Marlene Frey, JournalistinSchwester des Bundeskanzlers
Möbelpacker
Ein Polizist


Büro im Bundeskanzleramt.

Kaltenschlager sitzt in einem großen Ledersessel und pafft an einer Zigarre. Es wirkt, als ob er den Augenblick außerordentlich genießen würde. Hinter ihm steht Schönkopf. Sie lauschen schweigend einer Radiosendung. Im Hintergrund ein sehr moderner Schreibtisch. Mehrere Sitzgelegenheiten. An der Wand hängt ein abstraktes Gemälde.

STIMME AUS DEM RADIO: Nach der Angelobung spazierte Kaltenschlager zum Heldenplatz, wo er vor mehreren tausend Anhängern seine erste Rede als neuer Bundeskanzler hielt. Mit pathetischen Worten beschwor er den neuen Wertekanon, wonach sich Fleiß und Leistung wieder lohnen müssten. Außerdem versprach er, dass er für ein solides Wirtschaftswachstum sorgen werde. Kaltenschlager wird, dank des geänderten Wahlrechts, die erste Alleinregierung seit mehr als vier Jahrzehnten anführen. Die Buhrufe, welche von der Protestveranstaltung auf der Ringstraße herüber drangen, quitierte Kaltenschlager mit den Worten ...

SCHÖNKOPF (zugleich mit der Radiostimme, rezidierend): Und diese Zweifler dort in den Büschen werden wir auch noch von unserem Weg überzeugen!

STIMME AUS DEM RADIO: Die Opposition scheint indessen vollkommen ...

KALTENSCHLAGER (schaltet das Radio ab): Manchmal habe ich das Gefühl, dass Ihnen Ihre Reden zu Kopf steigen, Schönkopf.

SCHÖNKOPF: Meine Reden? Es sind doch Ihre, Herr Bundeskanzler! (Es klopft. )
KALTENSCHLAGER: Ja? Herein!
(Zwei Möbelpacker treten ein.)

MÖBELPACKER: Entschuldigung, aber wir sollen den Schreibtisch da austauschen.

KALTENSCHLAGER: Hätten Sie das nicht während der Angelobung erledigen können? – Na dann, bitte!

(Die Möbelpacker heben den Schreibtisch hoch und tragen ihn zur Tür.)

KALTENSCHLAGER: Und dieses scheußliche Gemälde können Sie auch gleich mitnehmen!

MÖBELPACKER (auf das abstrakte Gemälde deutend): Das da?

KALTENSCHLAGER: Na, sonst hängt ja keines herum.

(Die Möbelpacker stellen den Schreibtisch nieder, nehmen das Gemälde ab und legen es auf die Schreibtischplatte.)

KALTENSCHLAGER: Mein Vorgänger hatte einen grauenhaften Geschmack. SCHÖNKOPF: Sie sagen es.
KALTENSCHLAGER: So, wie der Bundespräsident.

SCHÖNKOPF: Ich finde, sein Benehmen war ungeheuerlich.
KALTENSCHLAGER: Ich werde mich bei Gelegenheit daran erinnern.
(Kaltenschlagers Handy klingelt.)
KALTENSCHLAGER (hebt ab): Hallo? – Oh, Herr Generaldirektor! Was verschafft mir die Ehre? MÖBELPACKER: Wir bringen dann gleich den neuen Schreibtisch, wenn’s recht ist. SCHÖNKOPF: Jaja, natürlich ist es recht.

(Möbelpacker ab.)

KALTENSCHLAGER (telefonierend): Danke, das ist nett! – Aber selbstverständlich bleibt es dabei! – Danke, ja, Ihnen auch! – Auf Wiederhören! – (legt auf) – Zu den Schattenseiten meines neuen Jobs gehört, dass man sich mit solchen Schleimern herumschlagen muss. Aber man ist halt auf sie angewiesen.

SCHÖNKOPF: Mit einer satten Mehrheit der Wählerstimmen sind Sie auf niemanden angewiesen!

KALTENSCHLAGER: Und wird man von den Wählern auf Jachten und Jagdausflüge eingeladen? – Eben.

(Kaltenschlagers Handy klingelt wieder.)

KALTENSCHLAGER: Na, was ist denn da los? Ich habe noch nicht einmal einen Schreibtisch, und die Leute rennen mir schon die Tür ein! – (hebt ab) – Kaltenschlager? – Was, wirklich? – Ausgezeichnet! – (legt wieder auf) – Na, wenigstens etwas!

SCHÖNKOPF: Und zwar?

KALTENSCHLAGER: Er hat unterschrieben!

SCHÖNKOPF: Wer?

KALTENSCHLAGER: Der Bundespräsident!

SCHÖNKOPF: Aha, und was?

KALTENSCHLAGER: Na, das Dings!

SCHÖNKOPF: Das Dings?

KALTENSCHLAGER: Das – na, wie heißt’s denn? Das Dings, das wir in der letzten Nationalratssitzung beschlossen haben!

SCHÖNKOPF: Ah, das Einkommensteuer-Änderungsgesetz!

KALTENSCHLAGER: Ja! Genauso kompliziert wie sein Name! Ich hatte schon befürchtet, er würde da auch noch Schwierigkeiten machen.

SCHÖNKOPF: Zuzutrauen wäre es ihm gewesen.

KALTENSCHLAGER: Vor allem, wenn man bedenkt, wie dieses – eh schon wissen – zustande gekommen ist. Ich glaube, das war die chaotischste Nationalratssitzung in der Geschichte der zweiten Republik!

SCHÖNKOPF: Der Zweck heiligt die Mittel.

KALTENSCHLAGER: Naja, aber seien Sie ehrlich: Hatte am Schluss noch irgendwer den Überblick, was wir da eigentlich beschlossen haben? Fünfzehn Abänderungsanträge innerhalb von zwei Stunden!

SCHÖNKOPF: Hauptsache, das Gesetz wurde beschlossen! Das neue Steuersystem wird der Eckpfeiler unserer Politik, wonach sich Leistung wieder lohnen muss!

KALTENSCHLAGER: Jaja, schon gut. Der Wahlkampf ist vorbei! Ich hoffe nur, dass bei diesem Chaos nicht irgendwelche Fehler passiert sind. Das wäre peinlich.

SCHÖNKOPF: Und selbst, wenn. Wir verfügen jetzt über eine absolute Mehrheit und könnten das Gesetz jederzeit wieder ändern.

KALTENSCHLAGER: Schon, aber was würde das für einen Eindruck machen? Ich meine, wenn wir unsere eigenen Beschlüsse nach wenigen Wochen revidieren müssten.

SCHÖNKOPF: Da würde ich mir keine Sorgen machen. Bis zu den nächsten Wahlen haben das alle vergessen.

KALTENSCHLAGER: Trotzdem. Ich bin ein Mann mit Prinzipien. SCHÖNKOPF: Natürlich.
(Lärm von der Straße. Ein Polizist tritt auf.)
POLIZIST: Verzeihung, Herr Bundeskanzler, wenn ich so hereinstürme ... KALTENSCHLAGER: Was ist denn?

POLIZIST: Unten auf dem Ballhausplatz hat sich eine unangemeldete Demonstration gebildet! Sollen wir einschreiten?

KALTENSCHLAGER: Gegen was demonstrieren sie denn?

POLIZIST: Das haben wir noch nicht herausgefunden.

SCHÖNKOPF (aus dem Fenster blickend): Danke ...

KALTENSCHLAGER: Schönkopf? Wofür bedanken Sie sich?

SCHÖNKOPF: Nicht ich bedanke mich! Auf diesem Transparent steht „danke“! – (liest) – Danke – für das – B – G – E ...

KALTENSCHLAGER: Und soll ich das jetzt verstehen?
SCHÖNKOPF: Ich vermute ... - (sein Handy gibt einen Ton von sich) – Moment bitte.

(Er liest ein SMS.)
POLIZIST: Sollen wir die Demo auflösen oder nicht?

KALTENSCHLAGER: Warum fragen Sie das mich? Muss man sich als Bundeskanzler um alles selbst kümmern?

(Die Möbelpacker kommen zurück. Sie bringen einen wuchtigen Schreibtisch im Stil der 1970er Jahre. Polizist ab.)

MÖBELPACKER: So, da ist der neuer Schreibtisch!

KALTENSCHLAGER: Na endlich! - (er wendet sich um; springt entsetzt auf ) Was ist denn das?!

MÖBELPACKER: Ihr neuer Schreibtisch!

KALTENSCHLAGER: Soll das ein Witz sein? Ich habe ein Biedermeiermodell bestellt, und nicht diesen alten Kasten aus den 70er-Jahren!

(Der Möbelpacker zieht einen Zettel aus der Hosentasche und vergleicht ihn mit der Inventarnummer des Schreibtischs.)

MÖBELPACKER: Also, die Nummer stimmt ...

KALTENSCHLAGER: Na und? Dann hat sich eben jemand verschrieben! Da war ja der Schreibtisch meines Vorgängers noch schöner! Hinaus damit, aber schnell!

MÖBELPACKER: Aber ...
KALTENSCHLAGER: Ich werde das mit der Kanzlei klären! Raus! (Die Möbelpacker tragen den Schreibtisch wieder fort.)

KALTENSCHLAGER: Unglaublich! Da vertauscht irgendwer zwei Ziffern, und schon ist bin ich zum Alt- 68er gestempelt! – (er setzt sich wieder auf den Ledersessel, tippt auf seinem Handy herum) – Schönkopf, geben Sie mir mal die Nummer des Möbeldepots! – Schönkopf?

(Schönkopf hat währenddessen das SMS gelesen und ist dabei zunehmend verfallen.) SCHÖNKOPF: Herr Kanzler, bitte setzen Sie sich ...
KALTENSCHLAGER: Ich sitze ja schon!
SCHÖNKOPF: Setzen Sie sich trotzdem.

KALTENSCHLAGER: Schönkopf? Geht es Ihnen nicht gut? SCHÖNKOPF: Etwas Entsetzliches ist passiert! KALTENSCHLAGER: Und zwar?
SCHÖNKOPF: Es ist ... - Jemand muss sich verschrieben haben ...

KALTENSCHLAGER: Also, jetzt stellen Sie sich nicht so an! Es ist ja nur ein Schreibtisch! SCHÖNKOPF: Schreibtisch? Ich rede nicht von Ihrem Schreibtisch!
KALTENSCHLAGER: Sondern?
(Es klopft. Schrill tritt hastig ein.)

SCHRILL: Entschuldigung, wenn ich so herein platze ... - Schönkopf, ich muss Sie dringend sprechen! SCHÖNKOPF: Ich kann mir schon denken, weshalb. – (zu Kaltenschlager) Bin gleich wieder da! (Schönkopf und Schrill ab.)
KALTENSCHLAGER (für sich): Irgendetwas Seltsames geht hier vor.

(Sein Handy klingelt wieder.)

KALTENSCHLAGER (ärgerlich abhebend): Kaltenschlager? - - (versteinert) Was?!

(Schönkopf und Schrill kommen zurück.)

SCHRILL: Ich setze für 19 Uhr eine Pressekonferenz an! Sehen Sie zu, dass die Erklärung bis dahin fertig ist!

(Sie bemerken Kaltenschlagers versteinerte Mine.)
SCHRILL: Oh, wie es aussieht, weiß er es schon. Na dann, viel Glück. (rasch ab) KALTENSCHLAGER (nach langem Schweigen): - Es ist also passiert. – Und was jetzt?

SCHÖNKOPF: Nur nicht verzagen. Wir bügeln das in null Komma nichts wieder aus! Die Presseabteilung arbeitet bereits an einer Erklärung, die wir noch gemeinsam durchgehen werden, und dann ...

(Schrill ist währenddessen rückwärts gehend wieder herein gekommen. Er starrt auf sein Handy.) SCHÖNKOPF: Ja?

SCHRILL (langsam): Es ist alles noch viel schlimmer. – Da! (er gibt Schönkopf das Handy, um ein SMS zu lesen)

KALTENSCHLAGER: Würden Sie bitte aufhören, hinter meinem Rücken zu konspirieren, und mich auch von den neuesten Hiobsbotschaften in Kenntnis setzen?

SCHÖNKOPF (aufblickend): Jetzt verstehe ich, weshalb sich diese Leute da unten für ein B.G.E. bedankt haben!

SCHRILL: Da kann uns nur noch Professor Friedmann helfen. Ich rufe ihn sofort an. (Er nimmt sein Handy wieder an sich, geht in den Hintergrund und telefoniert.) KALTENSCHLAGER: Also, was ist los?

SCHÖNKOPF: Nun, es sieht so aus ...

KALTENSCHLAGER: Ja?

SCHÖNKOPF: ... als ob man den Beschluss des Nationalrats so interpretieren könnte ...

KALTENSCHLAGER: Ja?!

SCHÖNKOPF: ... als hätten wir ein B.G.E. eingeführt!

KALTENSCHLAGER: Ein was?

SCHÖNKOPF: Ein B.G.E.! Bedingungsloses Grundeinkommen!

KALTENSCHLAGER: Ich habe zwar keine Ahnung, was das ist, aber es klingt unerfreulich!

(Die Möbelpacker kommen mit dem 1970er-Schreibtisch zurück.)

MÖBELPACKER: Entschuldigung, aber wir können den Schreibtisch nicht wegbringen. Die Straße ist abgesperrt.

KALTENSCHLAGER (um Fassung ringend): Dann lassen Sie ihn eben in Gottes Namen da ... (Die Möbelpacker stellen den Schreibtisch an seinen Platz.)
MÖBELPACKER: Und das Bild?
KALTENSCHLAGER (explotierend): Nein! Und jetzt raus!

(Die Arbeiter suchen erschrocken das Weite.) (Langes Schweigen.)

(Kaltenschlager starrt ins Leere. Schönhaupt hat inzwischen einen Laptop ausgepackt, stellt ihn auf den Schreibtisch und tippt daran herum.)

SCHRILL (hat das Telefonat beendet und kommt wieder in den Vordergrund) – Also. Friedmann geht den Text der Presseerklärung durch und kommt dann persönlich herüber. – Ich bereite inzwischen den Rest vor. (ab)

(Neuerliches Schweigen.)

KALTENSCHLAGER: - Eines muss von Anfang an klar sein: Schuld sind die anderen!

SCHÖNKOPF (am Laptop arbeitend): Natürlich.

KALTENSCHLAGER: Aber sagen Sie mir eins, Schönkopf: Was ist das jetzt eigentlich genau, dieses ... T –B...

SCHÖNKOPF: B.G.E.! Bedingungsloses Grundeinkommen! KALTENSCHLAGER: Ja, wie auch immer.

SCHÖNKOPF: Das kann ich Ihnen ganz genau sagen, ich habe es nämlich soeben im Internetz recherchiert! – (liest vom Bildschirm ab) Ein Grundeinkommen ist eine bedingungslose, finanzielle Zuwendung, die jedem Mitglied der Gesellschaft in existenzsichernder Höhe, ohne Rücksicht auf sonstige Einkommen, auf Arbeit oder Lebensweise als Rechtsanspruch zusteht und eine Krankenversicherung inkludiert!

KALTENSCHLAGER (nach einer Pause): - Und so einen Blödsinn sollen wir beschlossen haben? (Es klopft. Kaltenschlager schweigt. Schließlich öffnet sich die Tür und Friedmann tritt ein.) FRIEDMANN: Verzeihung, sagten Sie herein?
KALTENSCHLAGER (gequält): Herein ...!

FRIEDMANN: Ich bringe den Entwurf für die Presseerklärung.

KALTENSCHLAGER: Na, dann her damit. - Aber bleiben Sie noch einen Moment, Herr Professor! Können Sie uns vielleicht erklären, wie es möglich ist, dass aus einer Steuerrechtsänderung, die die Besserverd... - ich wollte sagen, die Leistungsträger bevorzugen sollte, auf einmal ein ... - B... T...

SCHÖNKOPF: B.G.E.!

KALTENSCHLAGER: Ja, ist doch Wurscht! Eine Hängematte für Sozialschmarotzer werden konnte! Sind wir einem Komplott zum Opfer gefallen?

FRIEDMANN: Ich fürchte, die Erklärung ist wesentlich einfacher. KALTENSCHLAGER: Ach so? Na, dann erklären Sie!

FRIEDMANN: Also. In der Hektik der letzten Nationalratssitzung sind beim Zusammenfügen der Abänderungsanträge drei Abschreibfehler passiert.

KALTENSCHLAGER: Na bitte, ich sag’s ja: Die anderen sind schuld. – Aber ... drei Abschreibfehler? Und das soll solche Konsequenzen haben?

FRIEDMANN: In der Tat. Schauen Sie: Wir haben eine Flat Tax eingeführt ... KALTENSCHLAGER: Weiß ich.

FRIEDMANN: Aber statt sie an den niedrigeren Satz der Kapitalertragssteuer anzupassen, wurde sie versehentlich auf den Spitzensteuersatz angehoben!

KALTENSCHLAGER: Was, auf 50 Prozent? FRIEDMANN: Auf 50 Prozent! Ohne Ausnahmen.

KALTENSCHLAGER: (fassungslos) Wählerstimmen, adieu! – Aber das können wir schnell reparieren! Was noch?

FRIEDMANN: Zum Ausgleich für den einheitlichen Steuersatz wurde ein allgemeiner Absetzbetrag eingeführt, da sonst die niederen Einkommensstufen sehr viel mehr als bisher hätten zahlen müssen.

KALTENSCHLAGER: Und mit Hietzing und Döbling allein gewinnt man keine Wahl. Ja, und weiter?

FRIEDMANN: Dummerweise ist auch hier ein Fehler unterlaufen. Statt tausend Euro pro Jahr steht im Gesetz plötzlich tausend Euro pro Monat!

KALTENSCHLAGER (nachrechnend): Das wären ja ... 12.000,- Euro im Jahr!

FRIEDMANN: Das Schlimmste kommt noch! Wie Sie wissen, konnte man sich schon bisher unter bestimmten Umständen nicht ausgenutzte Teile von Absetzbeträgen als Negativsteuer ausbezahlen lassen.

KALTENSCHLAGER (verzieht das Gesicht): Ja, alleinerziehende Mütter und so. Aber wollten wir das nicht streichen?

SCHÖNKOPF: Da haben sich die eh-schon-wissen quergelegt!

KALTENSCHLAGER: Ja, richtig. Aber was hat das jetzt mit dem – dingsbums – zu tun?

FRIEDMANN: Leider sehr viel. Die Alleinerzieher wurden gestrichen.

KALTENSCHLAGER: Aber das ist doch super!

FRIEDMANN: Mit der Konsequenz, dass nun jeder und jede die Negativsteuer geltend machen kann!

KALTENSCHLAGER: - Verstehe ich nicht.

FRIEDMANN: Schauen Sie: Angenommen, Sie verdienen 800,- Euro im Monat ...

KALTENSCHLAGER: Soll das ein Witz sein?

FRIEDMANN: Es ist ja nur ein Beispiel! Dann nehmen wir eben Ihre Fußpflegerin, die Teilzeit arbeitet ...

SCHÖNKOPF: Oder die von seinem Hund.
(Kaltenschlager wirft Schönkopf einen bösen Blick zu.)
FRIEDMANN: Meinetwegen. Wieviel sind 50% von 800?
KALTENSCHLAGER: 400?
SCHÖNKOPF: Aber was ist mit der Sozialversicherung?
FRIEDMANN: Die lassen wir der Einfachkeit halber außer Betracht. KALTENSCHLAGER: Na, Sie sind mir ein schöner Finanzstaatssekretär.
(Es klopft.)
SCHÖNKOPF (voreilig): Herein? – Oh, Verzeihung.
(Kaltenschlager wirft ihm wieder einen scharfen Blick zu. Der Polizist tritt hastig ein.)

POLIZIST: Herr Bundeskanzler?

KALTENSCHLAGER: Ja, was ist denn? Wir sind gerade in einer sehr wichtigen Besprechung!

POLIZIST: Bitte um Entschuldigung, aber Ihre Frau Schwester wurde unten auf der Straße gesichtet!

KALTENSCHLAGER (erschrocken): Was?!

POLIZIST: Sie nimmt an der Demonstration teil!

KALTENSCHLAGER: Lassen Sie sie unter keinen Umständen herein!

POLIZIST: Alles klar. (ab)

KALTENSCHLAGER: Die hat mir jetzt gerade noch gefehlt! – Also, wo waren wir stehen geblieben?

SCHÖNKOPF: Bei der Sozialversicherung.

FRIEDMANN: Nein, bei der Flat Tax! Wenn von 800 Euro 50% abgezogen werden, bleiben nur noch 400 übrig!

KALTENSCHLAGER: Und um dieses Geld manikürt niemand einen Dackel.

SCHÖNKOPF: Aber vielleicht einen Chihuahua.

KALTENSCHLAGER: Schönkopf, Sie verkennen den Ernst der Lage! – (zu Friedmann) Fahren Sie fort.

FRIEDMANN: Der allgemeine Absetzbetrag bewirkt nun, dass die Steuerschuld um tausend Euro vermindert wird. Also 400 minus 1000, macht ...?

KALTENSCHLAGER (stirnrunzelnd): Minus 600?
FRIEDMANN: So ist es.
KALTENSCHLAGER: Und was heißt das jetzt?
FRIEDMANN: Dass die Hundepflegerin 600 Euro pro Monat dazu bekommt. KALTENSCHLAGER: Zu was?

FRIEDMANN: Zu den 800 Euro, die sie mit ihrem Job verdient.

KALTENSCHLAGER: Was, sie bekommt 1400, obwohl sie nur 800 brutto verdient?

FRIEDMANN: Deshalb heißt es Negativsteuer.

KALTENSCHLAGER (lacht): Also, die Stimme wäre uns bei der nächsten Wahl sicher!

SCHÖNKOPF: Dann wäre es vielleicht gar nicht so schlecht? Andererseits, wenn ihr Mann Bankdirektor ist ...

KALTENSCHLAGER: Schönkopf, hören Sie auf nachzudenken! Das stört! – Aber wieso heißt das ganze - wie noch einmal?

SCHÖNKOPF: Bedingungsloses Grundeinkommen!

FRIEDMANN: Ganz einfach. Nehmen wir an, jemand hat gar kein Einkommen.

KALTENSCHLAGER: Wovon lebt er dann?

FRIEDMANN (achselzuckend): Zum Beispiel von der Sozialhilfe ...

SCHÖNKOPF: Oder von den reichen Eltern!

KALTENSCHLAGER: Also kurzum, ein Sozialschmarotzer. – Und der bekommt auch was?

FRIEDMANN: Jeder und jede, wie ich schon sagte. Ob und wieviel Einkommen Sie haben, spielt keine Rolle! Rechnen wir es durch: 50% von null sind wieviel?

KALTENSCHLAGER: Null natürlich!

FRIEDMANN: Minus 1000?

KALTENSCHLAGER: Minus 1000!

FRIEDMANN: Das ist das Grundeinkommen!

KALTENSCHLAGER: Sie meinen, einer, der den ganzen Tag lang in der Hängematte liegt, bekommt tausend Euro im Monat fürs Nichtstun? Und wie erkläre ich das meiner Hundepflegerin?

FRIEDMANN: Die bekommt immerhin 1600.

KALTENSCHLAGER: Ja, aber ärgert sich dafür mit diesen verwöhnten, kläffenden Viechern herum!

FRIEDMANN: Vielleicht macht sie’s ja gern.

KALTENSCHLAGER: Und wenn nicht?

FRIEDMANN: Dann müsste sie es nicht tun.

KALTENSCHLAGER: Wie meinen Sie das?

FRIEDMANN: Ich meine, sie könnte genauso gut den ganzen Tag in der Hängematte liegen.

KALTENSCHLAGER: Und wer kümmert sich dann um meinen Hund?

SCHÖNKOPF: Sie müssten ihr halt mehr bezahlen!

KALTENSCHLAGER: Schönkopf, sind Sie jetzt zur Gewerkschaft übergelaufen?

SCHÖNKOPF: Das war nur ein theoretisches Gedankenspiel ...

KALTENSCHLAGER: Und dabei wird es hoffentlich auch bleiben! – Ich meine, sie hätte ja auch was G’scheites studieren können ...

FRIEDMANN: Ich glaube, Sie können da ganz beruhigt sein. Das Argument mit der Hängematte zieht immer.

KALTENSCHLAGER: Na, da haben wir ja nochmals Glück gehabt. – Aber, weil wir gerade beim Theoretisieren sind: Wie wirkt sich dieses ...

SCHÖNKOPF (schnell): B.G.E.!

KALTENSCHLAGER (ärgerlich): Jetzt hätte ich es auch gewusst! – Also, wie wirkt sich dieses B.G.E. auf, sagen wir, den Haselsteiner aus?

FRIEDMANN: Das ist leicht erklärt!

KALTENSCHLAGER: Moment, lassen Sie mich selber rechnen! – Also, sagen wir ... (rechnet) – durch zwei macht ...

FRIEDMANN: Davon sind 1000 Euro B.G.E. in Abzug zu bringen.

KALTENSCHLAGER: Das fällt aber überhaupt nicht ins Gewicht ... - Na, servus, soviel zahlt der aber jetzt sicher nicht.

SCHÖNKOPF: Aber er möchte ja angeblich mehr Steuern zahlen.

KALTENSCHLAGER: Der Haselsteiner vielleicht, aber ich kenne genug, die mich dafür aufspießen lassen würden! Das ist ja sozialistisches Teufelszeug! – Geben Sie mir meinen Text! (er reißt Friedmann das Papier aus der Hand, das dieser bis jetzt gehalten hatte) – Wie lange haben wir noch bis zur Pressekonferenz?

SCHÖNKOPF: Eine knappe Stunde.

KALTENSCHLAGER: Dann lassen Sie mich jetzt allein, ich muss mich vorbereiten.

SCHÖNKOPF: Soll ich Ihnen dabei nicht behilflich sein?

KALTENSCHLAGER: Nein, ich mache das selbst!

SCHÖNKOPF: Wie Sie wollen. – Aber das mit dem Haselsteiner würde ich nicht erwähnen.

FRIEDMANN: Ich würde mich auf die Hängematte konzentrieren.

KALTENSCHLAGER (ungeduldig): Danke für Ihre Ratschläge, aber ich weiß jetzt, worum es geht! – Holen Sie mich zehn Minuten vor Beginn ab!

SCHÖNKOPF: Wie Sie wünschen. (Schönkopf und Friedmann ab.)

(Kaltenschlager setzt sich an den Schreibtisch und studiert den Text der Presseerklärung, lässt diesen aber bald sinken und schüttelt deprimiert den Kopf.)

KALTENSCHLAGER: - Und dabei hätte alles so schön sein können ...!
(Es klopft.)
KALTENSCHLAGER (auffahrend): Hat man hier denn keine zwei Sekunden eine Ruhe! – Ja, herein?!

(Marlene Frey tritt ein.)

FREY: Hier hast du dich also verschanzt!

(Kaltenschlager springt erschrocken auf.)

KALTENSCHLAGER: Wie bist du hier herein gekommen?!

(Frey sieht sich um und lässt sich dann in den Ledersessel fallen.)

FREY: Ich habe, wie du weißt, einen Presseausweis! Der Rest war ein Kinderspiel.

KALTENSCHLAGER: Der Wartesaal für die Journalisten befindet sich einen Stock tiefer! – Ich werde jemanden rufen, der dich hingeleiten wird ...

(Er nimmt sein Handy und beginnt darauf zu tippen.)

FREY: Ein netter Empfang! Aber falls es dich interessiert: Ich habe vor, in meinem nächsten Beitrag einen Lobgesang auf dich anzustimmen!

KALTENSCHLAGER: Schreibst du etwa immer noch für dieses irrelevante Wochenblatt?

FREY: Sogar für mehrere. Und wie es aussieht, bist du soeben dabei, als einer der größten Sozialreformer dieser Republik in die Geschichte einzugehen!

KALTENSCHLAGER: Falls du auf den bedauerlichen Irrtum beim Beschluss der Steuerreform anspielst, so kann ich dir mitteilen, dass dieser schon in den nächsten Tagen revidiert werden wird!

FREY: Irrtum? Mir ist nichts von einem Irrtum bekannt!

KALTENSCHLAGER: In der Pressekonferenz wirst du es erfahren. Und jetzt lass mich bitte allein, ich habe noch zu arbeiten!

FREY: Genau deshalb bin ich hier! Um mit dir gemeinsam an unserer Presseerklärung zu arbeiten! KALTENSCHLAGER: Unsere Presseerklärung?
FREY: Allerdings! Ich werde an deiner Seite die gefassten Beschlüsse verteidigen! KALTENSCHLAGER: Ich sagte soeben: Die Beschlüsse werden revidiert!

FREY: Willst du vor aller Welt das Gesicht verlieren?

KALTENSCHLAGER: Besser das Gesicht als die nächste Wahl! Außerdem werde ich das Gesicht nicht verlieren.

(Frey wirft ihm einige Dokumente auf den Schreibtisch.) FREY: Wenn ich das hier verbreitet habe, schon!

(Kaltenschlager lässt das Handy sinken, das er bis jetzt in der Hand gehalten hatte, und schaut die Papiere an. Er erbleicht.)

FREY: Lange habe ich gezögert, ob ich diese Waffe gegen dich einsetzen soll. Aus bloßer Bosheit oder gekränktem Stolz, weil dir Erfolg und Karriere in die Wiege gelegt worden sind, während ich immer um alles kämpfen musste, hätte ich es nicht getan. Um der Gerechtigkeit Willen – auch nicht. Die Sache ist nicht groß genug, als dass sie die Vernichtung des eigenen Bruders rechtfertigen würde. Denn vernichten würde sie deine Karriere wohl schon, oder was meinst du?

KALTENSCHLAGER: Von wem hast du diese Unterlagen?

FREY: Es ist eigenartig, aber unser Vater hat sie mir gegeben, kurz vor seinem Tod. Er war sehr enttäuscht von dir. Aber er wusste, dass ich sie niemals zu deinem Schaden einsetzen würde.

KALTENSCHLAGER: Nicht zu meinem Schaden? Aber genau damit drohst du mir doch in diesem Moment! – Das ist Ewigkeiten her, und ich habe alles zurückgezahlt ... was noch da war ...

FREY: Du hast dich in unverschämter Weise an unserem Familieneigentum vergriffen! Nicht, dass es mir darum leid wäre, aber man hätte das Vermögen sinnvoller nutzen können.

KALTENSCHLAGER: Ich wurde schlecht beraten ... FREY: Die Gier ist immer ein schlechter Ratgeber. KALTENSCHLAGER: Das ist doch alles längst verjährt!

FREY: Ob das die Öffentlichkeit auch so sehen wird, bezweifle ich. Aber ich kann dich beruhigen. Wenn du mich durch Sturheit nicht dazu zwingst, werde ich nichts zu deinem Schaden unternehmen. Im Gegenteil: Zu deinem Triumph werde ich es nutzen, und um einen großen Schaden abzuwenden!

KALTENSCHLAGER: Ich verstehe kein Wort.

FREY: In der letzten Nationalratssitzung vor der Wahl wurde ein Gesetz durchgepeitscht, das, wie es aussieht, keiner der Beteiligten so wollte.

KALTENSCHLAGER: Das ist mir bekannt.

FREY: Aber in seltenen Momenten entsteht durch bösen Willen Gutes. Unter normalen Umständen hätte es vielleicht noch Jahrzehnte gebraucht, um ein bedingungsloses Grundeinkommen durchzusetzen, aber siehe da: Hier ist es! Vom Nationalrat beschlossen!

KALTENSCHLAGER: Dieser Beschluss wird rückgängig gemacht werden. FREY: Nicht, wenn du es nicht willst!

KALTENSCHLAGER (plötzlich begreifend): - Das also ist deine Forderung! Ich soll alle meine Grundsätze über Bord werfen! Alles, wofür ich im Wahlkampf eingetreten bin, für null und nichtig erklären und plötzlich das Gegenteil fordern! Von einem Tag auf den anderen zum Sozialisten mutieren! Und wo ist da der Unterschied zu meiner Vernichtung, wenn ich fragen darf? Ich werde von meiner Partei verjagt und von den Wählern gelyncht werden! – (sinkt auf die Knie) Leni, höre mich bitte an! Ich gebe zu, dass ich in der Vergangenheit Fehler gemacht habe, aber lass es mich wieder gutmachen! Als Bundeskanzler könnte ich tolle Sachen durchsetzen! Zum Beispiel eine Reform der Presseförderung! Oder ein neues Asylrecht! Aber bitte, bitte kein Grundeinkommen!

(Frey betrachtet ihn lange. Schließlich bricht sie in schallendes Gelächter aus. Kaltenschlager erhebt sich langsam wieder.)

KALTENSCHLAGER: Du musst realistisch sein. Ein Grundeinkommen ist nicht durchsetzbar. Wie soll ich meine Leute davon überzeugen? Wir stehen für Leistung und Marktwirtschaft, und nicht für irgendwelche sozialen Träumereien!

FREY: Weißt du, früher dachte ich, dass die Marktwirtschaft der Grund allen Übels ist. Aber dann erkannte ich, dass sie bloß unvollständig ist: Sie braucht ein bedingungsloses Grundeinkommen, um zu funktionieren.

KALTENSCHLAGER: Und wie soll es bitte funktionieren, wenn alle faul in der Hängematte liegen und keiner mehr arbeiten will?

FREY: Würdest du denn faul in der Hängematte liegen?

KALTENSCHLAGER: Ich besitze nicht einmal eine Hängematte! Außerdem wird man nicht Bundeskanzler um des Geldes willen. Jedenfalls nicht nur.

FREY: Wieviele, schätzt du, würden mit tausend Euro im Monat zufrieden sein und nichts mehr tun wollen?

KALTENSCHLAGER: Keine Ahnung, aber bestimmt so einige.
FREY: Wieviele Arbeitslose gibt es zur Zeit?
KALTENSCHLAGER: Wer sagt denn, dass es genau diese sind, die nicht mehr arbeiten würden?

FREY: Umso besser, dann können sie den anderen ihren Job überlassen! Welche Vergeudung von Talenten ist das, wenn man die Menschen zwingt, eine Tätigkeit bloß um des Geldes Willen auszuüben! Jetzt, wo das Grundeinkommen eingeführt ist, können wir das Wort „Arbeitslosigkeit“ aus dem Vokabular streichen! Manche haben nur noch nicht die passende Tätigkeit gefunden!

KALTENSCHLAGER: Schwester, du bist naiv! Du siehst immer nur das Gute im Menschen! Das ist dein Problem! Wenn man den Leuten die Freiheit gibt, nichts zu tun, dann würden die Straßen bald voll mit drogensüchtigen Alkoholikern sein, die ihr Grundeinkommen nach zwei Wochen versoffen haben und dann einbrechen gehen!

FREY: Vielleicht wären die Straßen aber auch voll mit Leuten, die endlich der Tätigkeit nachgehen können, die sie mit Sinn erfüllt! Vielleicht gäbe es auch wieder Schaffner in den Zügen und Dörfer mit einem Lebensmittelgeschäft!

KALTENSCHLAGER: Und wer würde die Klos putzen und den Kanal reinigen?
FREY: Bezahle dafür ordentlich, und du wirst schon jemanden finden. KALTENSCHLAGER: In so einer Welt verdient die Klofrau mehr als ein Bankangestellter! FREY: Geld stinkt auch bekanntlich nicht.

KALTENSCHLAGER: Und mit dieser Botschaft soll ich vor die Wähler treten?

FREY: Nein, wie wäre es damit: Fragen Sie sich nicht, was Ihr Nachbar mit dem Grundeinkommen tut, fragen Sie sich lieber, was Sie selbst damit tun könnten!

KALTENSCHLAGER: Nicht schlecht, aber ...
FREY: Oder damit: Streichen wir den Schmarotzern die Grundsicherung! Geben wir sie lieber allen! KALTENSCHLAGER: Du solltest dich mit Schönkopf zusammen tun.
FREY: Einen Haken hat die Sache allerdings.
KALTENSCHLAGER: Ich wusste es.
FREY: Die Besserverdienenden werden mehr Steuern zahlen müssen.
KALTENSCHLAGER (verzweifelt): Ich werde gelyncht werden.
(Es klopft.)
KALTENSCHLAGER: Herein? Oder besser gesagt, nicht herein! Ich bin gerade in einer wichtigen ... (Schönkopf, Schrill und Friedmann treten ein.)
SCHÖNKOPF: Oh, ich wusste nicht ...
SCHRILL: Herr Bundeskanzler, die Pressekonferenz beginnt in wenigen Minuten! KALTENSCHLAGER: Wir werden sie absagen.
SCHÖNKOPF (fassungslos): Wir werden was?
FREY: Ganz im Gegenteil! Wir werden gemeinsam vor die Presse treten!
(Die anderen schauen Frey verwundert an.)
KALTENSCHLAGER (resignierend): Darf ich vorstellen, Frau Dr. Marlene Frey, meine Schwester ... FRIEDMANN: Marlene Frey? Welche Überraschung, Sie hier zu treffen!
FREY: Die Überraschung wird vielleicht noch viel größer, Herr Professor!
SCHÖNKOPF (zu Kaltenschlager): Könnte es sein, dass ich etwas Entscheidendes verpasst habe?

KALTENSCHLAGER: Wie kommen Sie darauf, Schönkopf? (leise) Übrigens, wir sind jetzt für das Grundeinkommen. – (laut) Meine lieben Freunde, ich muss Sie bitten, kurz Platz zu nehmen! Wir haben einige wichtige Punkte zu besprechen!

SCHRILL: Aber die Pressekonferenz ...
KALTENSCHLAGER: Beginnt mit geringfügiger Verspätung!

(Kaltenschlager, der sich allmählich wieder gefasst hat, blickt streng in die Runde. Die anderen nehmen irritiert Platz.)

KALTENSCHLAGER (leise zu seiner Schwester) Und wie soll ich das jetzt alles erklären? FREY (ebenso): Überlass das mir.

KALTENSCHLAGER (mit staatsmännischem Gehabe): Nun, ich habe mir das Ganze nochmals sehr gründlich durch den Kopf gehen lassen und bin zu dem Schluss gekommen, dass wir das Gesetz so lassen sollten, wie es ist!

SCHÖNKOPF und SCHRILL (zugleich): Was?!

KALTENSCHLAGER (fortfahrend): Und aus diesem Grund habe ich Frau Dr. Frey hierher gebeten, die eine ausgewiesene Expertin zum Thema B.G.E. ist.

FRIEDMANN: Eine ausgewiesene Befürworterin des B.G.E., wenn ich es recht in Erinnerung habe. SCHÖNKOPF (um Worte ringend): Und ... was ist mit unserem Wertekanon?

(Kaltenschlager öffnet den Mund, als wolle er etwas antworten, blickt dabei aber hilfesuchend seine Schwester an.)

FREY: An dem wird nicht gerüttelt! Sie sagen, Leistung muss sich wieder lohnen? Also gut, dann schaffen wir einen Lohn für all die unbezahlten Leistungen, die die Menschen täglich erbringen!

SCHRILL: Und wer soll das zahlen?

FREY: Ganz einfach: Von den überdurchschnittlichen Einkommen wird etwas weggenommen, und den unterdurchschnittlichen wird dazugegeben. Es ist ein Nullsummenspiel.

SCHÖNKOPF: Das ist eine Umverteilung von gigantischen Ausmaßen! Glauben Sie im Ernst, dass die Wähler da mitspielen werden?

FREY: Wenn sie erst einmal erkannt haben, dass es letztlich allen nützt, werden sie es niemals wieder anders haben wollen! Grundeinkommen ist ein Menschenrecht! Die Umverteilung haben wir jetzt auch schon, nur dass niemand mehr durchblickt, was von wem wohin umverteilt wird! Ein System mit B.G.E. ist dagegen so einfach, dass es jedes Kind versteht!

FRIEDMANN: Aber ist es auch gerecht?

FREY: Interessant, dass gerade Sie das fragen, Herr Professor. Ist der Markt gerecht? Wie geht es zusammen, dass die einen für ihre Leistung nichts und andere Millionen bekommen. Glauben Sie im Ernst, dass der Lohnzettel etwas über die Leistung aussagt?

FRIEDMANN: Die Frage war nicht, ob der Markt gerecht ist, sondern ob ihn das B.G.E. gerechter machen würde.

FREY: Es scheint mir die fairste aller denkbaren Möglichkeiten zu sein. SCHRILL: Also, ich finde, das ist Sozialismus!
FREY: Nur zur Hälfte. Zur anderen Hälfte ist es freie Marktwirtschaft.

FRIEDMANN: In der Tat ermöglicht ein Grundeinkommen mehr Freiheit auch in der Wirtschaft. Aber haben Sie nicht etwas übersehen? Wenn die Einkommensteuer ein Nullsummenspiel ist, fehlen dem Staat ein Drittel seiner Einnahmen.

FREY: Der Staat spart sich Milliarden durch den Wegfall der meisten Sozialausgaben, von Subventionen und Maßnahmen zur Ankurbelung der Wirtschaft. Aber ich weiß: Hier ist der Punkt, wo bei vielen der Liberalismus endet. Und eine vernünftige Grund- und Erbschaftssteuer gehören natürlich auch her.

SCHÖNKOPF: Und was ist mit dem Wirtschaftswachstum?

FREY: Nichts dagegen, solange die Wirtschaft an anderer Stelle schrumpft. Wir stecken Unsummen in die Rettung von Banken, die eigentlich längst in die ewigen Jagdgründe hätten eingehen sollen! Wir pumpen Milliarden in ein Wachstum, das den Planeten zerstört, ohne zu bedenken, dass Leben nicht nur aus Wachstum, sondern auch aus Tod besteht! Aber es sind nicht die Menschen, die in der Marktwirtschaft sterben sollen, sondern die schlechten Ideen und Entscheidungen! Sagt man nicht, aus Fehlern wird man klug? Wenn wir die Wirtschaft klüger machen wollen, dann müssen wir auch Fehler möglich machen! Schaffen wir klare Regeln und ein gesichertes Grundeinkommen, und lassen wir verfahrene Karren in der Pleite versinken!

FRIEDMANN: Das klingt ja im Prinzip recht vernünftig, aber was wird mit den Löhnen geschehen, wenn wir ein B.G.E. haben? Werden sie steigen oder fallen?

FREY: Eine gute Frage. Sowohl als auch, wahrscheinlich. Denn mit Grundeinkommen haben beide Seiten die Möglichkeit, nein zu sagen. – Was ist, meine Herrschaften? Fürchten Sie sich vor dem freien Markt? Die meisten Neoliberalen wollen nur Freiheit für die Unternehmen. Wir müssen auch den Menschen die Freiheit geben! Der neue Wahlspruch muss lauten: In Freiheit tätig sein!

FRIEDMANN: Eine große Idee, aber nicht sehr populär, fürchte ich.

FREY: Mein Bruder wird sie populär machen!

(Alle schauen Kaltenschlager an. Dieser ist eingeschlafen.)

KALTENSCHLAGER (hochschreckend): Was? – (in die Runde blickend) Und? Sind wir uns einig? – (Schweigen) – Na schön, dann wäre das also geklärt.

SCHÖNKOPF: Die Opposition wird toben ...
SCHRILL: Und nicht nur die!
KALTENSCHLAGER: Und wenn schon. Wo ist meine Rede?
SCHÖNKOPF: Ich fürchte, dieses Mal werden Sie improvisieren müssen.

ENDE des 1. Akts.



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Wolfgang Willner

Österreich führt ein Bedingungsloses Grundeinkommen ein



︎ Play(writing)
︎ Comedy, politics
︎ Vienna, Austria
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Project description
It is a didactic play disguised as a comedy. The plot describes the accidental implementation of a Basic Income by the Austrian Parliament. The play is written in German.


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